Sonic Visions

Sonic Visions Philharmonic 2018

Audiovisuelle Performances mit drei Uraufführungen am 28. März im franz.K, Reutlingen

Württembergische Philharmonie Reutlingen & capella vocalis. Christian Bonath, Christian Ruetz, Felix Leuschner (Leitung). Stefanie Sixt (Video). Uraufführungen von Felix Leuschner, Nikodemus Gollnau und Immanuel Ott

Fried Dähn und Thomas Maos präsentieren im Rahmen der Sonic Visions Reihe erneut ungewöhnliche Projekte, die diesmal klassische Orchestermusiker und den capella-vocalis-Chor in eigens komponierten Werken für Musik, Elektronik und Video auf die franz.K-Bühne bringen:

Felix Leuschner: No Judas, No Himmel (UA)
Immanuel Ott: Terrain
Nikodemus Gollnau: (musikalisches Material)3 recycelt

Immanuel Ott über ‚Terrain’:

Der durch den Copiloten des Germanwings-Flugs 9525 verursachte Flugzeugabsturz in den französischen Alpen am 24. März 2015 hat mich enorm ergriffen. Vor allem die zeitliche Dauer und die psychologischen Vorgänge an Bord des Fluges sind für mich unvorstellbar: eine halbe Minute, nachdem der Pilot das Cockpit verlassen hat, leitet der Copilot den automatisierten Sinkflug ein, und regelt im Laufe von fast elf Minuten mehrfach Kurs und Geschwindigkeit nach, um das Flugzeug zum Absturz zu bringen. Während dieser Zeit sitzt er im Cockpit, liest Instrumente ab, macht Eingaben, um die Sicherheitssysteme des Flugzeugs zu überschreiben, hört das verzweifelte Hämmern seiner Kollegen an der verriegelten, undurchdringlichen Cockpit-Tür, die Kontaktversuche der Flugsicherung und später der Luftverteidigung, und zuletzt die automatisierte akustische Warnung „Terrain! Terrain! Pull up! Pull up!“ 

In den Unfallberichten, Gutachten und Pressemitteilungen wurden diese Ereignisse wie in einem Tableau eingefroren. Man kann in den Texten das Geschehen mehrerer Minuten in einem kurzen Satz zusammenfassen, eine Beschreibung erneut lesen oder überspringen. In Terrain möchte ich aber diese elf Minuten als Zeitspanne erneut erfahrbar machen. Die durch den Flugschreiber dokumentierten Ereignisse bilden entsprechend den strukturellen Hintergrund der Komposition. Sie beginnt mit dem Moment, in dem der Pilot aufsteht, um das Cockpit zu verlassen, und endet mit dem Absturz des Flugzeugs. Jedes dokumentierte Ereignis an Bord löst musikalische Ereignisse aus, beispielsweise setzt der Chor in dem Moment ein, indem der Sinkflug des Flugzeugs beginnt. Es wurden allerdings keine akustischen Verweise auf die Geschehnisse an Bord in die Komposition integriert, sondern vielmehr in der Rekonstruktion ein Pendant zu dieser Zeitspanne erzeugt, das nur betragsmäßig gleich ist und dem Grauen ein Gebet entgegenstellt.

Nikodemus Gollnau
(musikalisches Material)3 recycelt (UA)
Konzert für gemutedes Horn, Live-Elektronik, Orchester und  Mehrkanalzuspiel 

Konzert für gemutedes Horn, Live-Elektronik, Orchester und Mehrkanalzuspiel (2017/18)

Das titelgebende Wort Recycling ist musikalisch (und außermusikalisch) zentral für das Stück und zeigt sich in vielen Ebenen in unterschiedlicher Klarheit und unterschiedlicher Angriffshaltung.

So z.B. die grundsätzliche Entscheidung zur retrospektiven Form: (musikalisches Material)^3 recycelt die historisch gewachsene Form des Solo-Konzerts mit seiner klaren formalen Anlage (jedoch gefüllt mit neuem (?) musikalischen Material à musikalisches Material). Die Formen der klassischen Konzertsätze sind wiederum selbst höchst ökonomische Gebilde, denen das Recycling in Form von Wiederholungen auf vielen Ebenen innewohnt.

Ebenfalls recycelt (Live-Recycling) wird der Klang des Soloinstrumentes, der mit Hilfe eines speziellen Dämpfers (mit integriertem Tonabnehmer) zunächst komplett absorbiert (muted) und dann elektronisch transformiert wieder hörbar gemacht wird.

Das Orchester im 21. Jhd. – Recycling? Das klassische Konzertwesen? ...

Fest etablierter Bestandteil des musiktheoretischen und –wissenschaftlichen Jargons ist der Begriff des „musikalischen Materials“. Dieser wird in (musikalisches Material)^3 klanglich hinterfragt, bestärkt, recycelt, aus Recycling-Material generiert, mit sich selbst potenziert, negiert (...) und landete somit prominent im Titel des Stückes.

Komponisten:

Felix Leuschner ist Komponist und Schlagzeuger. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Musiktheater. Für das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen schrieb er zwei Opern: „Fünfzehn Minuten Gedränge“ wurde 2009 im Rahmen der „Eichbaumoper“ uraufgeführt und 2012 bildete seine Oper „Sprung in die Leere“ den Abschluss des Yves-Klein-Gedenkjahres zu Ehren des 50. Todestages des französischen Künstlers.

Yves Kleins Kunst – insbesondere seine Monochromien und Witterungsbilder – haben großen Einfluss auf Felix Leuschners Musik und findet sich beispielsweise in dem Umgang mit monochromen Klangflächen und „akustischen Witterungsbildern“ wieder. Der Gedanke, Klang als Bild, als visuell erfahrbares Ereignis zu definieren, findet seine Realisierung in seiner „Ausstellung monochromer Klangbilder“, die im Kunstmuseum Gelsenkirchen ausgestellt wurde. Einen weiteren essentiellen Bestandteil seiner Kompositionen bildet die Architektur der Aufführungsorte. Durch Verteilung der Instrumentalisten und Klangquellen in Gebäuden sowie die Nutzung der vorhandenen akustischen Gegebenheiten der Architektur erreicht er ein an den Aufführungsort individuell angepasstes Klangbild. Das Gebäude selbst wird zum Instrument, zum Filter, zum Teil der Partitur. Seine Kompositionen schließen ebenso akustische wie auch elektronische Klänge ein, live-Elektronik wird als Instrument in den Gesamtklang integriert.

Im Rahmen der 11. Münchener Biennale wurde sein Musiktheater „Krieg ohne Schlacht“ nach Texten von Heiner Müller uraufgeführt. An der Bayerischen Staatsoper wurde seine „Sinfonie der Gewerke“ uraufgeführt und er realisierte das Sounddesign zu „Die Entscheidung“ nach Texten von Hanna Krall und zu dem Internetprojekt „Ring-Motive“.
Des weiteren erhielt er Aufträge u.a. vom Siemens Arts Program, dem Bayerischen Staatsschauspiel, dem Staatstheater Braunschweig, schreibt Kammermusik für verschiedene Solisten und Ensembles, und performt mit Julia Mihály als Elektronik-Duo CLUBbleu.

Felix Leuschner studierte Komposition an den Hochschulen für Musik und Theater in München und Hamburg und klassisches Schlagzeug an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Er erhielt eine Künstlerresidenz am Atelier Klangforschung der Universität Würzburg, gewann den ersten Preis im Kompositionswettbewerb des Left Coast Chamber Ensembles (San Francisco), den Kompositionspreis der Stiftung Studium, Wissenschaft, Kunst und den Staatspreis der Regierung Unterfranken.

Nikodemus Gollnau
Der Komponist, Musiktheoretiker, Musikwissenschaftler und Hornist Nikodemus Gollnau (*1985 in Rastatt) begann nach seinem Abitur (2004) ein umfangreiches und breitgefächertes Studium:
An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart studierte er Schulmusik mit Hauptfach Horn (2005-2010), Diplom-ML Musiktheorie und Neue Medien (2007-2011), Master Musikwissenschaft (2010-2012), Nebenfach Komposition (2007-2011), sowie Germanistik an der Universität Stuttgart (2008-2012). Seit 2013 arbeitet er an einer Promotion an der Julius Maximilians Universität Würzburg.

Neben Aktivitäten als freischaffender Hornist (u.a. Orchesteraushilfstätigkeiten bei der Jungen Oper Stuttgart, der württembergischen Philharmonie Reutlingen) und seinem kompositorischen Schaffen, setzt er sein Hauptinteresse auf die Vermittlung musiktheoretischer, musikphilosophischer und kompositorischer Sachverhalte an verschiedenen Musikhochschulen Deutschlands: Seit 2011 ist er Dozent für Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, seit 2012 Dozent für Tonsatz an der Musikhochschule Trossingen (Neben den Grundkursen Seminar-Schwerpunkt: Elektronische- und elektroakustische Musik) und seit 2014 Dozent für Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Sein kompositorisches Hauptinteresse liegt auf der Interaktion von Solisten oder kleinen Ensembles mit Neuen Medien (Live-Elektronik (Max-MSP), elektronische Mehrkanal-Zuspiele, sensorgesteuerte Klangtransformierung, Klangtranszendierung und Spatsilisation). Seine Werke werden in Deutschland und im europäischen Ausland von namhaften Ensembles und Solisten (u.a. Neue Vokalsolisten Stuttgart, Trio vis-á- vis) an wichtigen Zentren der Neuen Musik (u.a. ZKM Karlsruhe) ur- und wiederaufgeführt, auf CD produziert (Ensemble Vocapella Limburg, 2015), waren Vortragsinhalte bei internationalen Kongressen zur künstlerischen Forschung („Projection of a natural phenomenon in an artificially produced environment – „fibonacci spiral 1“ for horn and live-electronics by Nikodemus Gollnau“ (European Platform for Artistic Research, 2011, Belgrad)) und brachten ihm Erstplatzierungen bei Kompositionswettbewerben ein.

Prof. Dr. Immanuel Ott studierte Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und unterrichtete im Lehrauftrag an den Musikhochschulen in Rostock, Lübeck, Osnabrück und Münster. Von 2011 bis 2015 war er Dozent für Musiktheorie an der Folkwang Universität der Künste in Essen, 2015 wurde er zum Professor für Musiktheorie an die Hochschule für Musik Mainz berufen. Seit April 2017 ist er dort Rektor. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion von Kompositionsprozessen speziell der Musik der Renaissance. Zuletzt erschien sein Buch „Methoden der Kanonkomposition bei Josquin Des Prez und seinen Zeitgenossen“. Kompositionen von Immanuel Ott wurden unter anderem in der Folkwang-Universität der Künste Essen, der Kunsthalle Rostock und der Greifswalder Bachwoche uraufgeführt. Seit 2016 ist er Präsident der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH).

Stefanie Sixt (Video)

Nach dem Studium der Kunst und des Kommunikations-Designs mit Schwerpunkt auf audiovisuellen Medien in den Niederlanden und in Deutschland gründete im Jahr 2000 ihr Label sixt sense in Köln, später Berlin, Philadelphia, aktuell Augsburg. Sie produzierte seither eine Vielzahl von experimentellen Kurzfilmen, Musikvideos, konzeptuelle Visuals, audiovisuelle (Tanz-) Performances und Videoinstallationen. Seit 2010 doziert sie an verschiedenen Hochschulen.

Sixt bearbeitet in ihrer Kunst innere Prozesse über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, seiner physischen Begrenzung und deren Auflösung. Ihre Ausdrucksform ist zunehmend abstrakt und reduziert. Seit 2016 kreiert sie Videobühnenbilder, wie für Tosca (Regie Nigel Lowery) und Paradies Fluten (Regie Nicole Schneiderbauer), inszeniert am Theater Augsburg. Sie gewann zahlreiche Awards und Auszeichnungen, die Arbeiten wurden auf Festivals u.a. in Berlin, Dresden, Osnarbrück, Stockholm, Harare (ZW), Madeira (PT) gezeigt und international im Galerie- und musealen Kontext ausgestellt.

 


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